Samstag, 15. Januar 2011
Nichts für Saubermänner
Die Lässigkeit der Brasilianer hatte ich an anderer Stelle schon lobend erwähnt. Die fehlende Hektik ist wirklich eine Wohltat im Vergleich zu den stets gestressten Deutschen. Der Charakterzug hat aber auch Nachteile. Offenbar wird das, wenn man durch die Straßen schlendert. Der schlechte Geruch, der mich am Anfang meines Besuchs etwas irritiert hat, fällt mir nach ein paar Wochen gar nicht mehr auf. Aber der Müll, der überall herumliegt, lässt sich kaum übersehen. Sicherlich bin ich als Einwohner eines Landes, das auf Sauberkeit extremen Wert legt (Stichwort: Kehrwoche), bei diesem Punkt überkritisch, aber auch mein Pousada-Chef (ein Deutscher, der schon lange hier lebt) meinte, dass an diesem Punkt unbedingt gearbeitet werden muss.

Da die von der Stadt aufgestellten Mülleimer meist recht schnell geklaut werden, lassen die Brasilianer ihren Müll in der Regel einfach da fallen, wo sie gerade stehen. Dosen werden wegen des Metallgehalts von armen Leuten eingesammelt, der Rest normal über Nacht von der Stadtreinigung entsorgt. Morgens ist das Stadtbild also halbwegs in Ordnung, bis abends sieht es dann wieder ziemlich derbe aus. Überall zu sehen sind dann auch die leer getrunkenen Kokosnüsse (der Saft ist übrigens sehr lecker und erfrischend). Dazu stehen an den Straßen oder Bürgersteigen oft tagelang Müllsäcke.

Das Straßenbild hier unterscheidet sich ohnehin gravierend von dem in Deutschland: In Brasilien ist jeder Hauseigentümer für den Bürgersteig vor seinem Haus zuständig und jeder gestaltet den nach seinem Gusto. Entsprechend gibt es hier alle paar Meter Stolperfallen wegen unterschiedlicher Höhe des Bürgersteigs oder Löchern im Straßenbelag. Dazu parken die Autos auf dem Bürgersteig, und Restaurants haben ihre Tische darauf aufgebaut. Obwohl das Land reich an Neugeborenen ist, sieht man hier entsprechend kaum Kinderwägen auf den Straßen.

Habe hier übrigens schon einige Male Männer gesehen, die tagsüber trotz Publikumsverkehr einfach in den Rinnstein oder eine (kaum geschützte) Ecke pissen. In Deutschland würde sich das kaum jemand trauen und wenn doch, würde er wohl ziemliche Empörung auf sich ziehen. Hier regt sich keiner darüber auf, weder der "Täter" noch die Passanten. Die sehen das eben alle lässig.

Für Sauberkeitsfanatiker oder Personen mit Putzfimmel ist Brasilien also nicht die richtige Urlaubs-Destination. Da meine Pousada selbst sauber ist (wie erwähnt ist der Eigentümer ein Deutscher) und ich unter keiner Putzneurose leide, sehe ich die Sache relativ locker. Ein anderer Nachteil Brasiliens ist für mich bedeutender. Dazu mehr demnächst.

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